Zwei Subtypen von Aggression – kontrolliert oder impulsiv?
Aktualisiert: 15. Sept.
Dies ist der vierte Teil meiner Reihe zum Thema Aggression beim Hund. Die bisherigen Beiträge Aggression beim Hund verstehen – warum sie Teil der Kommunikation ist, Warum reagiert mein Hund aggressiv? Arten und Motivationen verstehen und Wenn Aggression zur Strategie wird findest du ebenfalls hier im Blog.
Wenn man sich mit aggressivem Verhalten bei Hunden auseinandersetzt und nach dessen Ursachen sucht, ist es wichtig, zwischen zwei grundlegenden Subtypen zu unterscheiden: kalter, kontrolliert-instrumenteller Aggression und heißer, reaktiv-impulsiver Aggression.
Diese Unterscheidung ist beinahe noch wichtiger als die Frage nach Art und Motivation des aggressiven Verhaltens. Denn hier geht es um einen grundlegenden Unterschied: Handelt ein Hund hoch emotional und impulsiv oder setzt er aggressives Verhalten kontrolliert und zielgerichtet ein?
Wichtig ist dabei zunächst eine begriffliche Unterscheidung: Aggression bezeichnet das Verhalten, Wut dagegen eine Emotion. Aggressives Verhalten muss also nicht zwangsläufig mit Wut einhergehen. Gerade bei der kalten, instrumentellen Aggression kann ein Hund aggressives Verhalten zeigen, ohne sich dabei in einem hoch emotionalen Zustand zu befinden.
Kalte, kontrolliert-instrumentelle Aggression
Bei der kalten, instrumentellen Aggression steht nicht Stress im Vordergrund. Aggression wird hier vielmehr als Mittel zum Zweck eingesetzt.
Ein anschauliches Beispiel aus dem menschlichen Bereich wäre ein Raubüberfall, bei dem die Täter zielgerichtet, geplant und ohne starke emotionale Erregung vorgehen. „Kalt“ bedeutet in diesem Zusammenhang also nicht gefühllos im umgangssprachlichen Sinne, sondern beschreibt ein Verhalten, das nicht von starker Emotionalität bestimmt wird. „Heiß“ steht dagegen für ein hoch emotionales Verhalten.
Auf Hunde übertragen könnte ein Beispiel folgendermaßen aussehen: Ein Hund geht gezielt auf einen anderen Hund zu und droht offensiv, um an dessen Ressource zu gelangen beziehungsweise damit der andere Hund ihm diese überlässt, vereinfacht gesagt eine Art „Raubüberfall unter Hunden“.
Mit einem Hund, der kalt aggressiv handelt, kann man gewissermaßen „verhandeln“. Hier können Kosten-Nutzen-Rechnungen eine Rolle spielen, etwa nach dem Prinzip:
„Das ist die Belohnung, wenn du dich prosozial verhältst, und das ist die Konsequenz, wenn du dich für aggressives Verhalten entscheidest.“
Natürlich muss auch hier immer individuell betrachtet werden, welche Kosten-Nutzen-Rechnung überhaupt sinnvoll ist und ob diese Vorgehensweise zum jeweiligen Hund und zur konkreten Situation passt.
Der entscheidende Unterschied ist jedoch: Die Emotionen müssen nicht zunächst stabilisiert werden, um den Hund überhaupt erreichen zu können. Ein Hund, der kalt aggressiv handelt, ist weiterhin zu kognitiven Berechnungen fähig.
Die Übergänge sind nicht starr
Die beiden Subtypen sollten nicht als starre Kategorien verstanden werden. Ein Hund ist also nicht grundsätzlich entweder „kalt“ oder „heiß“ aggressiv. Je nach Situation kann derselbe Hund beide Formen zeigen.
Auch eine zunächst kalte, kontrolliert-instrumentelle Aggression kann in eine heiße, reaktiv-impulsive Aggression umschlagen. Steigt beispielsweise während einer Auseinandersetzung die emotionale Erregung immer weiter an, kann aus einem zunächst zielgerichteten und kontrollierten Verhalten eine zunehmend emotional gesteuerte Reaktion werden.
Entscheidend ist deshalb immer, den jeweiligen Hund in der konkreten Situation zu betrachten und ihn nicht allein anhand seines bisherigen Verhaltens einem der beiden Subtypen zuzuordnen.
Heiße, reaktiv-impulsive Aggression
Bei der reaktiv-impulsiven Aggression spielt dagegen Stress beziehungsweise starke emotionale Erregung eine wesentliche Rolle. Der Hund reagiert auf einen Reiz oder Trigger, der beispielsweise Wut auslösen kann. Die Reaktion ist „heiß“, also hoch emotional.
Hier zeigt sich auch noch einmal der Unterschied zwischen Aggression und Wut:
Wut beschreibt den emotionalen Zustand des Hundes, Aggression dagegen das daraus entstehende Verhalten.
Aggressives Verhalten kann also auch auftreten, ohne dass Wut die treibende Emotion dahinter ist.
In stark emotionalen Trigger-Momenten sind Hunde nicht mehr zu denselben kognitiven Berechnungen fähig wie in einem kontrollierten Zustand.
Kosten-Nutzen-Rechnungen, also beispielsweise das Anbieten einer Belohnung für prosoziales Verhalten und das Androhen von Konsequenzen für aggressives Verhalten machen in solchen Situationen deshalb keinen Sinn. Der Hund trifft in diesem Moment keine bewusst abgewogene Entscheidung. Seine Emotionen nehmen ihm diese Entscheidung sozusagen ab: Er wird emotional gesteuert.
Wird in einer solchen Situation zusätzlich Druck aufgebaut, etwa durch die Androhung oder Anwendung von Konsequenzen, können sich die Emotionen sogar noch weiter verstärken. Der Hund fühlt sich möglicherweise zusätzlich bedroht, wodurch noch mehr Druck entsteht.
Wie mit solchen Hunden gearbeitet werden sollte, ist stark vom jeweiligen Individuum abhängig. Häufig kann es jedoch sinnvoll sein, in Richtung Verhaltenstherapie zu arbeiten und dem Hund unter anderem Eigenregulation, Selbstwirksamkeit und Vertrauen in seinen Halter an die Hand zu geben.
Warum aversive Reize das Problem verschärfen können
Leider sieht man auch heute noch gelegentlich, dass bei solchen Hunden mit Schmerzreizen oder anderen aversiven Reizen gearbeitet wird – beispielsweise mit Wasser, Rasseldosen oder ähnlichen Methoden.
Das Problem dabei: In stark emotionalen Trigger-Momenten bekommen Hunde solche Einwirkungen teilweise kaum noch bewusst mit. Der starke Hormoncocktail, der ausgeschüttet wird und das Gehirn regelrecht flutet, kann dazu führen, dass Hunde in einen regelrechten Rauschzustand geraten, in dem andere Reize weitgehend ausgeblendet werden.
Im schlimmsten Fall stacheln solche Methoden den Hund deshalb nur noch stärker an, weil sie unbewusst Schmerz wahrnehmen, wenn Schmerzreize zugeführt werden und die Wahrnehmung des Schmerzes ist deshalb unbewusst, weil sie durch den Hormoncocktail nichts bewusst wahrnehmen können.
Hinzu kommt, dass das Vertrauen in den Halter durch solche aversiven Maßnahmen nachhaltig geschädigt werden kann.
Keine Aggression gleicht der anderen
Gerade deshalb ist es so wichtig, aggressives Verhalten nicht ausschließlich danach zu beurteilen, wie es nach außen aussieht, sondern sich anzuschauen, was im jeweiligen Moment im Hund passiert.
Zwei Hunde können nach außen sehr ähnliches aggressives Verhalten zeigen, während sich die Prozesse dahinter deutlich unterscheiden. Und selbst derselbe Hund kann in unterschiedlichen Situationen aus unterschiedlichen Gründen aggressiv reagieren.
Für ein passendes Training reicht es deshalb nicht aus, lediglich das sichtbare Verhalten verändern zu wollen. Entscheidend ist auch, zu verstehen, was dieses Verhalten auslöst, welche Emotionen beteiligt sind und welche Funktion es für den Hund erfüllt.
Wenn dein Hund aggressives Verhalten zeigt und du dir unsicher bist, was dahintersteckt oder wie du damit umgehen sollst, schauen wir uns eure individuelle Situation gemeinsam an.



