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Warum reagiert mein Hund aggressiv? Arten und Motivationen verstehen

  • vor 1 Tag
  • 5 Min. Lesezeit

Dieser Artikel ist der zweite Teil meiner mehrteiligen Blog-Reihe zum Thema aggressives Verhalten beim Hund. Im ersten Artikel ging es darum, warum Aggression zur Kommunikation von Hunden gehört und nicht vorschnell als „böses“ Verhalten verstanden werden sollte.

Daran anknüpfend geht es nun darum, dass Aggression beim Hund sehr unterschiedliche Motivationen haben kann. Denn auch wenn es von außen ähnlich wirkt, kann aggressives Verhalten je nach Hund, Situation und Auslöser ganz verschiedene Hintergründe haben.

Aggressives Verhalten wird sehr häufig unterschiedlich kategorisiert, einig sind sich die Kynologen aber darin, dass häufig sogenannte Mischmotivationen vorliegen. Aggressives Verhalten kann also beim selben Hund verschiedene Ursachen oder Auslöser haben und sogar mehrere gleichzeitig, die sich überlagern.



Sozial motivierte Aggression

Da wäre zunächst die sozial motivierte Aggression. Hier steht der Sozialpartner, ob Hund oder Mensch, im Mittelpunkt und das aggressive Verhalten wird vom Hund als gemeinsame Aktion wahrgenommen. Beispiele für sozial motivierte Aggression mit Sozialpartner Hund sind zum Beispiel Mobbing oder Revierverteidigung, etwa Verbellen am Gartenzaun. Ein Beispiel für sozial motivierte Aggression mit Sozialpartner Mensch ist zum Beispiel das Anpöbeln eines Nachbarn. Hier kann es vorkommen, dass der Hund mit einsteigt, wenn er bemerkt, dass der Halter den Nachbarn nicht leiden kann. Dies merkt er zum Beispiel durch die Anspannung des Halters, die oft unbewusst geschieht, durch schnellere Atmung, einen schnelleren Gang, um schnell aus der Situation zu gelangen, und er riecht den aktuellen Hormonstatus, wenn er eine „Geruchsprobe“ am Halter nimmt.


Territorial motivierte Aggression

Auch gibt es die territorial motivierte Aggression, denn viele ursprüngliche Rassen wurden gezüchtet, um Grundstücke und/oder Nutztiere zu bewachen. Dies ist auch in vielen neueren Rassen nach wie vor verankert. Territoriale Aggression dient dazu, den störenden Auslöser, wie Besuch, Postboten, Passanten oder andere Hunde an der Grundstücksgrenze, zu vertreiben. Territorial aggressive Hunde stellen Eindringlinge auf ihrem Grundstück nicht selten. Stellen meint, dass der Hund sich vor den Eindringling schiebt, ihn umkreist, dabei bellt und/oder knurrt und manchmal sogar in die Hosenbeine knappt. Je nach Erfahrungen des Hundes und je nachdem, ob er eine ernsthafte Verletzungsabsicht hat, kann das Verhalten bei Besuch von Hund zu Hund stark variieren. Manche Hunde unterscheiden auch von Person zu Person oder zwischen Menschen und Hunden. Es gibt Hunde, die in solchen Situationen eine ernsthafte Verletzungsabsicht zeigen, wenn sich der Eindringling nicht vertreiben lässt, und nicht nur in Hosenbeine beißen, sondern ernsthaft beißend in die Arme oder in die Waden gehen. Zu dem Thema, wenn Hunde zubeißen, wird es einen gesonderten Artikel geben.


Ressourcenbedingte Aggression

Die ressourcenbedingte Aggression kann sich gegen andere Hunde und auch gegen Menschen, den Halter, richten. Was genau als Ressource angesehen wird, hängt vom jeweiligen Hund ab. Das kann aber vieles sein, was dem Hund wichtig ist. Oft ist es Futter oder Spielzeug, es können aber auch Trinkwasser, Liegeplätze oder sogar der eigene Halter sein. Den eigenen Halter als Ressource zu sehen, kommt aber relativ selten vor. Bei der ressourcenbedingten Aggression wird die jeweilige Ressource vom Hund sichtbar bewacht und verteidigt. Der Hund droht dem Menschen oder dem anderen Hund, der sich die Ressource auch aneignen möchte. Oft durch leises oder lauteres Knurren und leichtes oder auch deutlicheres Blecken.Das Drohen kann aber auch subtiler ausfallen, etwa durch einen fixierenden Blick oder sogar nur durch fixierende Augen, ohne dass der Hund dabei den Kopf mitdreht. Solche feinen Signale sind für ungeübte Blicke oft schwer zu erkennen. Dadurch kann in manchen Fällen der Eindruck entstehen, ein Biss sei „aus dem Nichts“ gekommen.


Umgelenkte Aggression

Die umgelenkte Aggression ist häufig frustrationsbedingt. Hier entlädt sich Aggression, die sich eigentlich gegen etwas anderes richtet, zum Beispiel gegen einen anderen Hund, gegen die eigenen Sozialpartner. Zum Beispiel wendet sich ein Hund, der an der Leine einem anderen Hund droht, plötzlich gegen den eigenen Halter oder gegen den neben ihm laufenden Partnerhund. Dies geschieht häufig, wenn der Hund sich mit seinem Frust über die Situation nicht anders zu helfen weiß.


Erlernte Aggression

Weiterhin gibt es die erlernte Aggression. Eine Form hiervon ist das erlernte Zubeißen auf Befehl bei der Schutzhundeausbildung auf den Beißarm.Die erlernte Aggression gibt es jedoch auch bei Haushunden im Familienverband. Diese kann abgeschaut werden, oder der Junghund merkt sich den Erfolg, den er mit aggressivem Verhalten einmal hatte, weil der Halter zum Beispiel zurückzuckt. Hier können zum Beispiel Ressourcen erlernt verteidigt werden, oder es wird einer Einschränkung, zum Beispiel beim Geschirranziehen, mit Aggression begegnet.


Angstaggression

Die Angstaggression kann viele individuelle Ursachen haben. Oft zeigen diese Hunde ambivalentes Verhalten: Sie nehmen zum Beispiel ein Leckerli an und im nächsten Moment schnappen sie wieder. Nicht selten wählen sie die Flucht nach vorne, wenn sie keinen anderen Ausweg sehen oder ihre Individualdistanz unterschritten wird. Diese Art der Aggression ist allerdings nicht selten und kommt häufig bei Hunden mit ungewisser Vergangenheit vor.


Schmerzbedingte Aggression

Nicht außer Acht lassen sollte man die schmerzbedingte Aggression. Hier können Angriffe reflexartig und ohne Vorwarnung kommen. Es kann aber auch sein, dass der Hund anderen Hunden oder Menschen jedes Mal droht, damit man ihm nicht zu nahe kommt, weil er wegen seiner Schmerzen keinen Kontakt möchte. Hat ein Hund Schmerzen, fühlt er sich oft unsicher und nicht stark genug, um soziale Interaktionen zu bestehen, besonders mit anderen Hunden.


Maternale Aggression

Maternale Aggression kommt bei Mutterhündinnen kurz nach der Geburt vor. Diese dauert oft nicht länger als einige Wochen. Die Mutterhündin beschützt hier ihre Welpen vor anderen Hunden, aber selten auch vor dem Halter. Maternale Aggression kann auch nach der Scheinträchtigkeit auftreten.


Sexuell motivierte Aggression

Sexuell motivierte Aggression kommt bei intakten Hündinnen kurz vor, während oder kurz nach der Läufigkeit bei Hundebegegnungen oder auch gegen Hunde im eigenen Sozialverband vor. Rüden können gegen vermeintliche Konkurrenten aggressiv werden, besonders dann, wenn eine intakte Hündin im eigenen Haushalt lebt.


Autoaggression und Störungsbedingte Aggression

Auch gibt es Autoaggression. Hier richten Hunde Aggression gegen sich selbst, sie rupfen sich Fell aus oder beißen sich selbst. Dies kann zur störungsbedingten Aggression beziehungsweise zu zwanghaften Verhaltensweisen gehören. Medizinische Ursachen sollten dabei immer mitgedacht werden. Zur störungsbedingten Aggression zählt auch der Angriff auf Schatten, Lichtreflexionen oder das Bewachen von Unsichtbarem.


Beuteaggression

Beuteaggression wird oft falsch verstanden, denn dies meint nicht das Jagen von Beute. Aggression ist immer Teil der Kommunikation, und mit seiner Beute kommuniziert ein Hund nicht.Eigentlich meint Beuteaggression das aggressive Verteidigen einer Beute vor Konkurrenten.Es gibt aber einen Spezialfall, der häufig bei Jagdterriern vorkommt: Diese verbeißen sich in dem erlegten Tier und zeigen tatsächlich Beuteaggression gegenüber dem toten Tier.



Aggressives Verhalten ist also nicht gleich aggressives Verhalten. Hinter ähnlich wirkenden Reaktionen können sehr unterschiedliche Motivationen stehen, und nicht selten überlagern sich sogar mehrere. Um aggressives Verhalten sinnvoll einordnen zu können, reicht es deshalb nicht, nur das sichtbare Verhalten zu betrachten. Entscheidend ist immer auch der Kontext: Wann tritt es auf, gegen wen richtet es sich, was geht ihm voraus und welche Funktion hat es für den Hund, was will der Hund mit seinem Verhalten erreichen?

 
 
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